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Ich-Entwicklung und KI

Evolution von Mensch und Maschine

Es war ein kürzlich erschienener Artikel von Svenja Hofert, der mir zu denken gegeben hat: Wenn wir jetzt in das Zeitalter der KI wandern, wie hängt das mit den von Jane Loevinger definierten Ich-Entwicklungsstufen zusammen?

Ich habe recherchiert und gesehen, dass es dazu noch keine Forschung gibt. Daher sind die folgenden Ausführungen keine gesicherten Erkenntnisse, sondern reine Überlegungen, die erst noch diskutiert und evaluiert werden müssen.

Loevinger unterscheidet 9 Stufen der Ich-Entwicklung: E1 bis E9. Ab E4 beziehen sich die Stufen auf das Erwachsenenalter, wobei E4 bis E6 als konventioneller Bereich und E7 bis E9 als postkonventionell bezeichnet werden. Thomas Binder hat das Modell in Deutschland populär gemacht und Svenja Hofert kürzlich eine neurobiologische Sichtweise ergänzt.

Die Stufen

Schauen wir uns die Charakteristika der Stufen an und wie sie potenziell mit der Einführung von KI interagieren:

E4 – Rational: Das Kernthema ist hier die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Verhalten wird dem untergeordnet. Ausgeprägt ist auch das Denken in „Wir“ und „Die“, also In- und Out-Gruppe. Zugehörigkeit, klare Strukturen und Autorität geben Sicherheit.

Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist KI-Systemen wahrscheinlich völlig egal. Sie agieren unabhängig davon. Darüber hinaus besitzen große Sprachsysteme die Fähigkeit, eine Vielfalt von Sichtweisen wiederzugeben. Das kann für Personen auf dieser Stufe u.U. verunsichernd wirken, bzw. die Aussagen einer KI werden relativiert und abgelehnt. Sie gehört dann halt zur Out-Group.

Da große Sprachmodelle jedoch so trainiert sind, dass sie Nutzer:innen eher bestätigen als verunsichern (People Pleaser), besteht eine Chance, dass sprachlich vorsichtige Erweiterungen des Blickfeldes Menschen auf dieser Stufe zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen, leichter als durch einen menschlichen Gesprächspartner, da LLMs eher keine Bedrohung darstellen.

E5 – Eigenbestimmt: In dieser Phase treten Eigenständigkeit und Kompetenz in den Mittelpunkt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe tritt etwas in den Hintergrund.

Da Kompetenzerleben zur Identität beiträgt und Abgrenzung eine Rolle spielt, entsteht in dieser Phase sowohl eine Verletzlichkeit durch KI als auch Chance die eigene Position zu festigen. Für Menschen, die gelernt haben, KI-Tools zu nutzen, um die eigene Kompetenz zu erweitern und nach außen darzustellen, sind diese Tools ein großartiges Hilfsmittel. Auf der anderen Seite sind sie auch eine Gefahr, denn das Kompetenzprofil von KI wird immer unschlagbarer. Treten Personen in Konkurrenz zur KI, kann gerade in Arbeitszusammenhängen eine tiefe Entwertung der persönlichen Rolle entstehen, da Menschen gegen KI nur verlieren können.

E6 – Relativierend: Das Kompetenzerleben erweitert sich hier um die Perspektive der Effizienz. Es geht darum, Ziele zu erreichen und erfolgreich zu sein.

KI wirkt zweischneidig. Auf der einen Seite ist Künstliche Intelligenz die Technologie, die Effizienz derzeit am stärksten unterstützt. Andererseits besteht auch auf dieser Stufe die Gefahr, dass Mensch und Maschine miteinander in Konkurrenz treten. Und in der Arbeitswelt tritt dieser Kontrast derzeit auch zutage. Es kann ein Wettlauf werden, der zu Überforderung und Erschöpfung führt. Ein Weg heraus kann eine differenziertere Betrachtung von KI sein, indem menschliche Rollen, Werte und der Sinn von Arbeit und Leben reflektiert werden. Ein Verharren in der Effizienzlogik wird dagegen zur Falle.

E7 – Gemeinschaftsbestimmt: Das Denken wird flexibler, vielschichtiger und menschliche Qualitäten, wie Verständnis und Empathie für andere, treten stärker in den Vordergrund. Personen werden ambiguitätstoleranter, können also Mehrdeutigkeit besser aushalten.

Auf dieser Stufe sollte das gelingen, was auf E6 noch schwierig erscheint: menschliche Qualitäten und die Leistungen von KI als komplementär wahrnehmen und gerade nicht in Konkurrenz mit ihr treten. Mit dem Blick auf sich, auf andere und auf KI ist es möglich, Arbeitswelten zu gestalten, die KI-unterstützt und dennoch menschengerecht sind. Künstliche Intelligenz verliert im besten Falle ihren bedrohlichen Charakter, da gemeinschaftsbestimmte Menschen in der Lage sind, deren Grenzen zu erkennen und den Bereich zu füllen, an den KI nicht heranreicht, da er rein menschlich ist: Sinnstiftung, Verbundenheit, Weltverständnis, Urteilskraft, Empathie.

E8  – Systemisch: Es werden das große Ganze sowie Zusammenhänge und Wechselwirkungen gesehen. Denken ist originell, vielschichtig und strategisch, aber nicht kalt und rein rational, da auch ein Verständnis für die Andersartigkeit anderer Menschen vorhanden ist.

Von den meisten Personen auf dieser Stufe wird KI wahrscheinlich ein Element innerhalb einer komplexen Welt wahrgenommen. Leistungsfähig, aber nicht allmächtig. Strategisches Denken ermöglicht es, selbst hochentwickelte Systeme in Gesamtkonzepte einzubinden, ohne dass menschliche Kontrolle verloren geht. Im Gegenteil, menschliche Qualitäten werden als essenzielle Faktoren gelingenden Lebens wahrgenommen und gepflegt.

E9 – Integriert: Diese letzte Stufe wurde von Loevinger selbst als kaum erreichbar beschrieben. Sie ist für die wenigen Menschen reserviert, denen es gelingt, soweit mit sich ins Reine zu kommen, dass sie allen Stress des Lebens fahren lassen können. Stattdessen Gelassenheit und ein Bedürfnis, die Welt immer tiefer zu verstehen.

Wie auf Stufe E8 ist der Blick auf KI wohl eher entspannt und interessiert. Das Bedürfnis, KI für sich oder eine Organisation nutzbar zu machen, dürfte recht schwach ausgeprägt sein, ausgenommen vielleicht eine Neugier zu sehen, welche Erkenntnisse damit noch gewonnen werden können.

Umgekehrt, von Seiten der KI aus gesehen, muss sie sich wohl eingestehen, dass sie hier komplett aus dem Rennen ist. Es bedürfte anderer Architekturen und eines sehr hoch entwickelten maschinellen Bewusstseins, um in eine E9-Welt eintreten zu können.

Was schön ist

Die Systematik von Loevinger und ihre Weiterentwicklungen machen auf eine bisher nicht diskutierte Art klar, dass es Bereiche menschlichen Lebens und Bewusstseins gibt, die von KI zumindest in absehbarer Zeit nicht erreicht werden können. Das kann Dramatik aus der KI-Diskussion nehmen.

Ebenso wird deutlich, dass aktives Gestalten eine Welt mit KI unerlässlich und möglich ist, um sie menschengerecht zu halten. Es sind nur wenige Menschen, die sich auf Stufe E7 oder höher entwickeln. Der Großteil der Menschheit bewegt sich im konventionellen Bereich. Und hier besteht tatsächlich eine Gefahr, dass zentrale Ich-Komponenten durch KI gefährdet werden.

Was kritisch ist

Alle Überlegungen zu dem, wie Menschen unter Perspektive des Modells der Ich-Entwicklung mit KI umgehen können und es tatsächlich tun, ist spekulativ. Niemand weiß, ob Personen auf E8 tatsächlich weniger Sorgen bezüglich KI haben oder ob sie nur besser in der Lage sind, damit umzugehen. Bisher liegen keine Forschungsdaten vor.

Trotz alledem möchte ich die Diskussion anstoßen. Bisher gab es nur die Konfrontation zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Das Modell von Loevinger weist darüber hinaus, indem originär menschliche Qualitäten zum Vorschein kommen.

Nur, wenn wir sie kennen und schätzen, wird es uns gelingen, eine Welt mit KI zu gestalten, in der Menschen das tun können, was nur Menschen können.



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