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Beziehungskompetenz als Leistungsfaktor: Warum die Qualität der Zusammenarbeit wirtschaftlich relevant ist
Geschrieben von Sabrina Müller am .
Unternehmen investieren viel in Strategien, Prozesse, Tools und Strukturen. Die Qualität der Beziehungen innerhalb der Organisation wird dagegen häufig als weicher Faktor behandelt: wünschenswert für die Atmosphäre, aber nicht entscheidend für das Ergebnis. Diese Trennung greift zu kurz.
Denn auch der beste Prozess ist darauf angewiesen, dass Menschen Informationen weitergeben, Verantwortung übernehmen, Probleme ansprechen und ihr Wissen miteinander verbinden. Ob sie das tun, hängt nicht allein von Zuständigkeiten und Arbeitsanweisungen ab. Es hängt auch davon ab, wie sie die Zusammenarbeit erleben.
Werden Beiträge ernst genommen? Ist Widerspruch möglich? Können Unsicherheiten benannt werden? Und wie reagieren Führungskräfte auf Fehler?
Beziehung ist Wechselwirkung. Das gilt für Kunden- und Geschäftsbeziehungen ebenso wie für die Zusammenarbeit innerhalb von Unternehmen. Werden Beziehungen ausschließlich transaktional verstanden – Leistung gegen Vergütung, Aufgabe gegen Ergebnis, Kommunikation gegen Conversion –, bleibt ein wesentlicher Teil organisationaler Wirksamkeit unberücksichtigt.
1. Was Beziehungskompetenz im Unternehmen bedeutet
Beziehungskompetenz ist kein einheitlich definierter wissenschaftlicher Fachbegriff. Gemeint ist hier ein Bündel sozialer und emotionaler Fähigkeiten, das tragfähige Zusammenarbeit unterstützt. Dazu gehören:
• Perspektiven wahrzunehmen und verständlich zu kommunizieren,
• Erwartungen und Rollen zu klären,
• Feedback zu geben und anzunehmen,
• Spannungen frühzeitig anzusprechen,
• eigene Reaktionen zu reflektieren,
• mit Fehlern und Unsicherheit konstruktiv umzugehen.
Gute Beziehungsgestaltung bedeutet weder ständige Harmonie noch den Verzicht auf klare Anforderungen. Eine tragfähige Arbeitsbeziehung hält auch unterschiedliche Interessen, kritische Rückmeldungen und notwendige Entscheidungen aus.
Beziehungskompetenz ersetzt außerdem keine funktionierenden Strukturen, ausreichenden Ressourcen oder fachliche Kompetenz. Wertschätzende Kommunikation kann dauerhaft zu hohe Arbeitsbelastung, unklare Verantwortlichkeiten oder als unfair empfundene Entscheidungen nicht kompensieren. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ordnet in ihrem 2026 veröffentlichten Faktenblatt nicht nur Anerkennung und soziale Unterstützung, sondern ebenso klare Rollen, angemessene Ressourcen und eine gute Arbeitsgestaltung als relevante Bedingungen ein.
2. Wie Beziehung, Motivation und Leistung zusammenhängen
Die Beziehungsebene wirkt selten in einem direkten Schritt auf wirtschaftliche Ergebnisse. Ihr Einfluss verläuft über Motivation, Vertrauen, Informationsaustausch, Lernverhalten, Bindung und Verantwortungsübernahme. Die Forschung stützt diese Zusammenhänge, ohne dass eine einzelne wertschätzende Handlung unmittelbar mehr Produktivität oder Gewinn verspricht.
Zugehörigkeit unterstützt selbstbestimmte Motivation
Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan unterscheidet zwischen kontrollierter und autonomer Motivation: Menschen handeln entweder stärker unter äußerem Druck oder weil sie eine Aufgabe als sinnvoll erleben und sich mit einem Ziel identifizieren.
Neben Autonomie und Kompetenzerleben gehört soziale Eingebundenheit zu den drei psychologischen Grundbedürfnissen, die nach dieser Theorie die Qualität der Motivation beeinflussen. Deci, Olafsen und Ryan (2017) verbinden die Unterstützung dieser Bedürfnisse in ihrem Forschungsüberblick Self-Determination Theory in Work Organizations mit selbstbestimmterer Motivation, Engagement, Wohlbefinden und Arbeitsleistung.
Arbeit muss deshalb nicht immer Freude machen. Wer sich zugehörig, handlungsfähig und kompetent erlebt, hat aber andere Voraussetzungen für nachhaltiges Engagement als jemand, der hauptsächlich über Druck gesteuert wird.
Erlebte Unterstützung stärkt Bindung
Mitarbeitende bilden aus dem täglichen Umgang ein Gesamturteil darüber, ob ihre Arbeit gesehen wird und ob das Unternehmen an ihrem Wohlergehen interessiert ist.
Kurtessis und Kolleg:innen (2017) bündelten für ihre Untersuchung Perceived Organizational Support die Ergebnisse aus 558 Studien. Die wahrgenommene Unterstützung durch die Organisation hing mit Arbeitszufriedenheit, emotionaler Bindung, Wohlbefinden und Arbeitsleistung zusammen. Als wichtige Einflussfaktoren zeigten sich Fairness, Unterstützung durch Führungskräfte und die Arbeitsbedingungen.
Wertschätzung zeigt sich damit nicht nur in Lob, sondern auch in nachvollziehbaren Entscheidungen, ernst genommenem Feedback, der Verteilung von Ressourcen und dem täglichen Umgang.
Einen Deutschlandbezug liefert die Auswertung der Erwerbstätigenbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus 2024: 62 Prozent der abhängig Beschäftigten berichten von häufiger Unterstützung durch ihre Führungskraft; regelmäßiges Lob und Anerkennung erleben 40 Prozent. Beschäftigte mit häufiger Unterstützung und Anerkennung bewerten ihre Arbeits- und Gesundheitssituation günstiger. Die von der BAuA 2026 veröffentlichte Auswertung zeigt damit einen Zusammenhang, aber keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Psychologische Sicherheit ermöglicht Offenheit
Besonders gut untersucht ist das Konzept der psychologischen Sicherheit. Es beschreibt die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass zwischenmenschliche Risiken möglich sind: eine Frage zu stellen, Zweifel zu äußern, einen Fehler einzugestehen oder einer verbreiteten Meinung zu widersprechen, ohne dafür bloßgestellt oder persönlich abgewertet zu werden.
Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass jede Äußerung folgenlos bleibt oder Leistungsansprüche sinken. Sie schafft vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass relevante Informationen überhaupt sichtbar werden.
Frazier und Kolleg:innen (2017) fassten für eine im Fachjournal Personnel Psychology veröffentlichte Forschungsübersicht 136 unabhängige Stichproben mit mehr als 22.000 Personen und fast 5.000 Gruppen zusammen.
Psychologische Sicherheit stand unter anderem mit Engagement, Arbeitszufriedenheit, Bindung, Aufgabenleistung, Informationsaustausch und Lernverhalten in Zusammenhang. Viele der Untersuchungen zeigen allerdings Zusammenhänge und nicht automatisch, welches Merkmal das andere verursacht.
Amy Edmondson und Derrick Bransby (2023) ordnen den Forschungsstand in Psychological Safety Comes of Age ein. Besonders relevant wird psychologische Sicherheit dort, wo Arbeit komplex, unsicher und voneinander abhängig ist: Dann müssen Teams Probleme früh erkennen und unterschiedliche Wissensbestände zusammenführen.
Psychologische Sicherheit ist damit keine Komfortzone. Sie schafft die Voraussetzung für offene Auseinandersetzung, gemeinsames Lernen und die frühe Bearbeitung von Fehlern und Risiken.
3. Die Rolle von Führung und emotionaler Kompetenz
Führungskräfte prägen Beziehungserfahrungen in besonderem Maß. Ihr Verhalten beeinflusst, ob Beschäftigte Kritik, Unsicherheiten und Ideen einbringen.
Martin und Kolleg:innen (2016) untersuchten in einer Meta-Analyse die Qualität der Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden. Eine höhere Beziehungsqualität hing positiv mit der Erfüllung der eigentlichen Arbeitsaufgaben und mit freiwilligem, die Organisation unterstützendem Verhalten zusammen. Sie hing negativ mit kontraproduktivem Verhalten zusammen. Vertrauen, Motivation, Empowerment und Arbeitszufriedenheit vermittelten einen Teil dieser Zusammenhänge. Auch bei objektiv erhobenen Leistungsdaten zeigte sich ein positiver, wenn auch moderater Zusammenhang.
Emotionale Intelligenz und Empathie können Führungskräfte dabei unterstützen, Reaktionen wahrzunehmen, Perspektiven einzuordnen und das eigene Verhalten zu regulieren. Gerhardt, Bauwens und van Woerkom (2026) werteten dazu 101 Studien aus und fanden überwiegend positive Zusammenhänge mit konstruktivem Führungsverhalten und Führungseffektivität. Sie betonen zugleich, dass keine eindeutigen Kausalaussagen möglich sind und emotionale Intelligenz unterschiedlich gemessen wird.
Sie ist daher keine alleinige Erfolgsformel, sondern Teil eines Kompetenzpakets aus Selbstreflexion, Emotionsregulation, Kommunikation, Entscheidungs- und Konfliktfähigkeit.
Emotionale Intelligenz ist die wichtigste Einflussgröße für persönliche Leistungen, beruflichen Erfolg, Führungsqualitäten und Lebenszufriedenheit.
4. Was passiert, wenn die Beziehungsebene fehlt?
Fehlendes Vertrauen oder mangelnde Wertschätzung führen nicht zwangsläufig sofort zu offenen Konflikten. Häufig entstehen zunächst weniger sichtbare Schutzbewegungen:
• Bedenken werden zurückgehalten.
• Fehler werden abgesichert oder verdeckt.
• Ideen und Verantwortung werden zurückgehalten oder weitergereicht.
• Kommunikation beschränkt sich auf das formal Notwendige.
• Konflikte verlagern sich, Wissen bleibt in einzelnen Bereichen.
• Beschäftigte reduzieren ihr Engagement auf die vereinbarte Mindestleistung.
Diese Reaktionen haben nicht nur einen Auslöser. Die Forschungsübersichten von Frazier und Kolleg:innen (2017), Kurtessis und Kolleg:innen (2017) sowie Martin und Kolleg:innen (2016) zeigen jedoch übereinstimmend: Vertrauen, Unterstützung und Beziehungsqualität hängen damit zusammen, ob Menschen sich einbringen, Informationen teilen und Verantwortung übernehmen.
Die Organisation arbeitet möglicherweise weiter, aber mit höheren Reibungsverlusten. Entscheidungen beruhen auf unvollständigen Informationen, Risiken werden später erkannt und vorhandenes Wissen wird nicht ausreichend genutzt.
5. Warum das wirtschaftlich relevant ist
Der 2026 veröffentlichte Gallup Engagement Index Deutschland 2025 zeigt: 10 Prozent der Beschäftigten weisen eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen auf, 77 Prozent eine geringe und 13 Prozent keine. Die repräsentative Befragung von 1.700 Beschäftigten beschreibt die Situation, erklärt aber nicht allein ihre Ursachen.
Für den Zusammenhang zwischen Engagement und organisationalen Ergebnissen liefert Gallups internationale Q12-Auswertung eine größere Datenbasis. Harter und Kolleg:innen (2024) berücksichtigten dafür 736 Untersuchungen aus 347 Organisationen, mehr als 183.000 Arbeits- und Geschäftseinheiten sowie rund 3,35 Millionen Beschäftigte. Engagement stand mit allen elf untersuchten Ergebnissen in Zusammenhang, darunter Produktivität, Profitabilität, Fluktuation, Fehlzeiten, Sicherheit und Qualität.
Auch diese Ergebnisse sollten differenziert gelesen werden: Gallup untersucht sein eigenes Engagement-Instrument, und Zusammenhänge sind nicht mit einem einfachen Kausalbeweis gleichzusetzen. Die Größe und Breite der Datenbasis sprechen jedoch deutlich dagegen, Bindung und Zusammenarbeit als wirtschaftlich bedeutungslose Nebenthemen zu behandeln.
Die wirtschaftliche Wirkung guter Beziehungsgestaltung entsteht meist indirekt: Probleme werden früher angesprochen, Wissen wird besser geteilt, Konflikte werden bearbeitet und Entscheidungen fundierter getroffen. Beziehungskompetenz garantiert keinen wirtschaftlichen Erfolg. Sie beeinflusst aber Bedingungen, unter denen fachliche Kompetenz, Kreativität und vorhandene Ressourcen wirksam werden.
5. Was Unternehmen tun können
Beziehungskompetenz entsteht nicht durch einen einzelnen Workshop. Sie entwickelt sich im Zusammenspiel aus individuellem Verhalten, wiederkehrenden Routinen und organisationalen Rahmenbedingungen. Aus den Befunden zu psychologischer Sicherheit, Führung, Arbeitsgestaltung und organisationaler Unterstützung lassen sich mehrere Ansatzpunkte ableiten:
1. Führung nicht nur fachlich entwickeln.
Selbstreflexion, Gesprächsführung, Feedback- und Konfliktfähigkeit sind konkrete Führungsanforderungen.
2. Erwartungen, Rollen und Entscheidungsspielräume klären.
Unklare Zuständigkeiten und widersprüchliche Erwartungen verschärfen Spannungen.
3. Widerspruch aktiv ermöglichen.
Führungskräfte können abweichende Sichtweisen ausdrücklich einholen und sichtbar konstruktiv auf Kritik, Fragen und Fehler reagieren.
4. Regelmäßige Reflexionsräume schaffen.
Retrospektiven und Teamdialoge helfen, Spannungen früh zu bearbeiten.
5. Wertschätzung konkret machen.
Pauschales Lob wirkt schnell ritualisiert. Glaubwürdiger ist eine Rückmeldung, die benennt, welcher Beitrag wahrgenommen wurde und welche Wirkung er hatte.
6. Konflikte als Arbeitsaufgabe behandeln.
Unterschiede sollten früh, klar und respektvoll bearbeitbar werden.
7. Strukturelle Ursachen ernst nehmen.
Wenn Überlastung, Ressourcenmangel oder widersprüchliche Zielvorgaben die Zusammenarbeit beeinträchtigen, reicht ein Kommunikationstraining nicht aus. Dann müssen auch die Bedingungen verändert werden.
5. Fazit: Beziehung ist Teil organisationaler Wirksamkeit
Arbeitsbeziehungen haben immer eine transaktionale Seite. Unternehmen brauchen klare Vereinbarungen, messbare Ergebnisse und verlässliche Prozesse. Langfristig reicht reine Aufgaben- und Ergebnisorientierung jedoch nicht aus.
Die Qualität der Beziehungen beeinflusst, ob Menschen Probleme offenlegen, Wissen teilen, Verantwortung übernehmen und auch unter Druck arbeitsfähig bleiben. Beziehungskompetenz ist deshalb kein freundliches Zusatzangebot für gute Zeiten, sondern ein wichtiger Bestandteil stabiler, leistungsfähiger und zukunftsfähiger Organisationen.
Empowerment Team Berlin begleitet Organisationen dabei, Führung, Zusammenarbeit und Kultur so zu entwickeln, dass Menschen gemeinsam wirksam arbeiten können.
Quellenangaben und weiterführende Literatur
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. (2024). Unterstützung und Anerkennung durch die Führungskraft sind wichtige Ressourcen – aber viele Beschäftigte erleben sie nur eingeschränkt (BIBB/BAuA-Faktenblatt 62). https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fakten/BIBB-BAuA-62
Deci, E. L., Olafsen, A. H., & Ryan, R. M. (2017). Self-determination theory in work organizations: The state of a science. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 19–43. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-032516-113108
Edmondson, A. C., & Bransby, D. P. (2023). Psychological safety comes of age: Observed themes in an established literature. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 10, 55–78. https://doi.org/10.1146/annurev-orgpsych-120920-055217
Frazier, M. L., Fainshmidt, S., Klinger, R. L., Pezeshkan, A., & Vracheva, V. (2017). Psychological safety: A meta-analytic review and extension. Personnel Psychology, 70(1), 113–165. https://doi.org/10.1111/peps.12183
Gallup. (2026). Gallup Engagement Index Deutschland 2025. https://www.gallup.com/de/472028/bericht-zum-engagement-index-deutschland.aspx
Gerhardt, K., Bauwens, R., & van Woerkom, M. (2026). Emotional intelligence and leader outcomes: A comprehensive review and roadmap for future inquiry. Human Resource Development Review, 25(1), 29–79. https://doi.org/10.1177/15344843251342689
Harter, J. K., Tatel, C. E., Agrawal, S., Blue, A., Plowman, S. K., Asplund, J., Yu, S., & Kemp, A. (2024). The relationship between engagement at work and organizational outcomes: Q12 meta-analysis (11th ed.). Gallup. https://www.gallup.com/workplace/321725/gallup-q12-meta-analysis-report.aspx
Kurtessis, J. N., Eisenberger, R., Ford, M. T., Buffardi, L. C., Stewart, K. A., & Adis, C. S. (2017). Perceived organizational support: A meta-analytic evaluation of organizational support theory. Journal of Management, 43(6), 1854–1884. https://doi.org/10.1177/0149206315575554
Martin, R., Guillaume, Y., Thomas, G., Lee, A., & Epitropaki, O. (2016). Leader–member exchange (LMX) and performance: A meta-analytic review. Personnel Psychology, 69(1), 67–121. https://doi.org/10.1111/peps.12100
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